Wir laden ein zu einer gruppenanalytischen Filmreflexion im BIG.
Wir sehen gemeinsam den Film "Wagen nach Wien" und können dann gemeinsam in der Gruppe assoziieren im Sinne einer gruppenanalytischen Filmrezeption.

Wagen nach Wien (Kočár do Vídně, Tschechoslowakei, 1966)


Eine gruppenanalytische Filmrezeption - Datum der Veranstaltung: Mittwoch, 31. Mai 2017 19:45 Uhr - Ort: BIG, Schönhauser Allee 175, 10119 Berlin, Raum Rheinsberg

Einleitung: Dr. Aleš Vápenka - Leitung der Gruppendiskussion: Dr. Aleš Vápenka, Dr. Kerstin Frommhold, DP Hanna Reinhardt-Bork


Der tschechische Regisseur Karel Kachyňa präsentiert ein mitreißendes Drama aus den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges. Krista, eine gläubige Frau, deren Mann kurz zuvor von Deutschen gehängt wurde, wird von zwei Soldaten, die nichts davon ahnen, gezwungen, sie über die Grenze aus Tschechien nach Österreich zu bringen. Sie schwört Rache. Während der Wagenfahrt durch den Wald beobachten wir, wie sich Krista und Hans, der ihr über seine Kindheit und seine Familie erzählt, trotz Sprachbarriere näher kommen. Das Drama basiert auf den Prinzipien der antiken Tragödie: die Handlung spielt sich in einem in sich geschlossenen Raum (dem Wald) ab und ist mit ihrem Zeitrahmen in die aristotelische Einheit des Ortes eingebettet. Wir sind Zeugen der inneren Wandlung von Krista, die zunächst nur auf Rache sinnt. Im Laufe der Zeit erwacht in ihr jedoch die Frau voller Gefühle und Liebe.

Die tragische Ballade „Wagen nach Wien“ ist ein seinerzeit provokatives, dokumentarisch sachliches und dabei sehr lyrisches Werk, in dem die tschechischen und die deutschen Figuren nicht schematisch dargestellt werden. Kachyňa überwand das damals weit verbreitete Bild der bösen Deutschen und der guten Tschechen. Sein Werk offenbarte neue Sichtweisen auf den Krieg und die Degradation eines Menschen in Zeiten von Hass, Gewalt und Zerstörung. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wagte er es, die Grenzen der Nationalmythen, vereinfachten Sichtweisen historischer Geschehnisse und die polarisierenden Konstruktionen der nationalen und persönlichen Identitäten zu überwinden. Trotz einer Auszeichnung auf dem Filmfestival in Karlovy Vary (Karlsbad) verschwand der Film bis zum Jahre 1989 im Tresor.

Der Film wird auch im Rahmen der internationalen gruppenanalytischen Tagung GASI 2017 in Berlin gezeigt